Mundart St. Leon-Rot

Die Mundart in St. Leon-Rot und am Bruhrain, erhaltenswertes kulturelles Erbe der Region. 

Eine Analyse von Kuno Schnader
 
 
Die Mundart, eine regionalspezifische Sprachform
 
Die Mundart ist eine lokal- und regionalspezifische Sprachform mit ortspezifischer Ausprägung, typischen Redewendungen und eigenwilliger Grammatik. Von „Ureinwohnern“ gesprochen, nimmt sie innerhalb der familiären und ortsbezogenen Kommunikation einen hohen Stellenwert ein. Sie hat ihre Wurzeln in den Stammeszugehörigkeiten im Mittelalter (Franken, Alamannen, Sueben, Schwaben, Sachsen etc), in der Vielzahl der Fürstentümer in Deutschland im Frühen Mittelalter und in der Abgeschiedenheit der Dörfer, Städte und Regionen, in deren Bereiche eigentümliche Sprachversionen entstanden.
 
Die Sprachforschung unterscheidet heute nicht mehr zwischen Mundart und Dialekt. Sie fasst beide Sprachformen unter dem Begriff Mundart zusammen, wobei sich die Unterschiede wie folgt darstellen:
 
Der Dialekt lässt sich mit unserem ABC schreiben: „Ja so sanns, die olden Rittersleit.“„Gema hoam?“(Gehen wir heim?), „Wann kummsch häm?“ (Wann kommst du heim?). In der Mundart haben die Selbstlaute „a, e, o“ und der Zwielaut „ei“ eine eigene Färbung, die mit unserem ohnehin nicht lautgetreuen ABC nicht zu erfassen ist. Die Mundart oder „Muddersproch“ bedarf deshalb einer besonderen Lautschrift. Bodwänn“: das „o“ ist kein geschlossenes „o“ wie bei Ofen und auch keine offenes „o“ wie bei Ordnung. Es ist ein Laut zwischen a und o und enthält deshalb von den Mundartforschern einen Kringel oder einen Akzent über dem Buchstaben. Das „a“ bei „Madel“ ist ebenfalls ein Zwischenlaut, der zum „o“ hin tendiert. Der Buchstaben trägt deshalb ebenfalls in der Mundartschrift einen Kringel oder einen Akzent. Oder: „D´Leit hewwe g´sat (Die Leute haben gesagt.): das „ei“ entspricht nicht dem „ei“ wie bei Leib, deshalb stehen beim „ e“ zwei waagrechte Pünktchen über dem Buchstaben.
 
 
Typische Merkmale der Mundart
 
Die  Mundart fördert den Heimatbezug. Wer Mundart spricht, identifiziert sich mit dem Ort und der Umgebung, mit den Mitmenschen, den Gepflogenheiten, dem Brauchtum und bekennt sich „heimat-verbunden“ zu seiner Herkunft. Die Mundart können „Zugereiste“ sich nur schwer aneignen. Man muss schon die Kindheit und die Jugendzeit in der Gemeinde oder in der Region verbracht haben, um sie einwandfrei zu beherrschen.
 
Die Mundart motiviert zum Gespräch und schafft Gesprächsatmosphäre. Wer schon an einer zwanglosen Erzählrunde eines Mundartabends teilgenommen hat, hat erfahren, welche Motivationskraft die Mundart haben kann. Sie stellt spontan Kontakte her, wirkt als „Zungenlöser“, schafft entspannte, von Vertrauen geprägte Gesprächsatmosphäre, befreit von Hemmungen und sorgt für eine Diskussion auf Augenhöhe.
 
In Grundschulklassen, in denen der Unterrichtstag in einer von Lockerheit geprägten Gesprächsrunde beginnt, kann auf diese Weise zum kultivierten Gesprächsverhalten und behutsam zum Gebrauch der „Hochsprache“ hingeführt werden. Und wie hat schon Goethe festgestellt? „Beim Dialekt fängt die Sprache an.“
 
Tatsache ist auch, dass ein Referent, ob der Politiker, Wissenschaftler oder der Prediger auf der Kanzel, mit eingestreuten Mundartpassagen in seinem Vortrag sofort den Kontakt herstellt und bei seinen Zuhörern „ankommt“.
 
 
Die Mundart kreiert originäre Wortschöpfungen
 
„Originäre Begriffe“, wie sie die Mundart aufgrund scharfer Beobachtungen und Vergleiche hervorbringt, verweisen immer auf das Ursprüngliche einer Handlung.
 
Wenn eine kleine Hacke für das Jäten von Unkraut z. B. mit „Krätzel oder Krätzerle“ bezeichnet wird, so kommt in dem Wort die kratzende oder schürfende Bewegung zum Ausdruck. Der Begriff „tranfunzlich“ oder „Tranfunzel“ für einen antriebslosen oder lahmen Menschen ist abgeleitet von dem Bild eines spärlich flackernden Öllämpchens (Tran = Öl). „Ripp“ steht z.B. für eine streitsüchtige Frau. Man hat unwillkürlich eine hagere, knöcherige, bös dreinschauende Frauengestalt vor Augen. „Rumstiere“ bedeutet sich umsehen oder stöbern. Spontan denkt man dabei an den starren Blick eines Stiers. Mit „rumwussle“ ist das geschäftige Treiben gemeint. Wer erinnert sich dabei nicht an das emsige Treiben in einem Ameisenhaufen?
 
 
Die Mundart beschreibt lautmalerisch und treffsicher
 
Die Mundart ist eine lautmalerische Sprache, wie die folgenden Beispiele zeigen. Die Begriffe sind alle situationsbezogen und spontan entstanden:
„Kuhplatscher“ für Kuhfladen: Man hört förmlich das „Aufplatschen“ der Fäkalie;
„plotzen“ für fallen und aufschlagen: Auch hier ist der dumpfe Aufschlag beschrieben;
„plotzen“ auch für rauchen: Man sieht direkt die Qualmwolke, die der Zigarrenraucher aus seinem Mund stößt;
„verpienzt“ für quengeln: Angedeutet ist hier das leichte Stöhnen;
„rumsuddle“ für den verschwenderischen Umgang mit Wasser: Das Plätschern ist förmlich herauszuhören;
„rühren“: für Rüben hacken: Beschrieben wird das Hacken rund um die Pflanze auf leichtem Sandboden.
 
 
Die Mundart verwendet bildhafte und typische Redewendungen
 
„en Bock schieße“:                       einen Fehler machen
do geht alles de Bach nunner:     alles geht zugrunde
„Ich heb´s de laider“:                  Ich habe es satt.
Oder:
"die „Weck sind fertich.“(die Brötchen sind alle) sind typische Redewendungen, die die Hochsprache nicht kennt.
 
 
Die Mundart hat eine eigenwillige Grammatik
 
Die deutsche Grammatik verwendet im Perfekt bei allen Verben der Bewegung das Hilfsverb „sein“: Ich bin gerannt. – Ich bin gekrochen. - Ich bin geflogen. - Aber: „Wo habt ihr gewohnt?“- „Wo hast du geschlafen? “Die Mundartgrammatik am Bruhrain macht hier eine Ausnahme: „Wu seid ihr g´wuhnt?“, „Wu bischt du g´schlofe?“
 
 
Die Mundart im ehemaligen Territorium des Hochstifts Speyer
 
St. Leon-Rot gehörte früher, wie die Orte am Bruhrain zwischen St. Leon-Rot und Bruchsal, Orte in der Pfalz und Gemeinden innerhalb eines Gebietsstreifens Dielheim  bis Waibstadt zum Territorium des Hochstifts Speyer. Es war ein in sich geschlossenes Gebiet. Die Zunahme sprachlicher Eigentümlichkeiten erklärt sich mit dem strengen Reglement, das im Speyerer Bistumsgebiet praktiziert wurde. Einwanderer mussten ihr Niederlassungsrecht teuer bezahlen und Auswanderungswillige sich von der Leibeigenschaft loskaufen.
 
Dadurch entstand eine von Außeneinflüssen abgeschirmte Enklave, ein Zustand, der sich auch auf die Mundart auswirkte, die sich in Nuancen von der kürpfälzischen unterscheidet:
St. Leon-Rot:              Sandhausen (Kurpfalz):
`s dud mer weeh       `s dud mer waih
zwuu Weeiwer            zwou Fraae
zwu Maad                   zwaa Maadlin
Selbst innerhalb des Herrschaftsgebietes des Hochstifts bestehen zwischen dem Nord- und Südbereich diverse Unterschiede, wie Franz Mohne in seinem „Bruhrainischen Idiotikon“ (Bad Schönborner Heimatblätter 1990) feststellt. St. Leon-Rot gehört noch zur Sprachgruppe der Rheinfranken, zur Badischen Pfalz, im Gegensatz zu Kronau, wo man zum „Parrer“ „Pfarrer“ und zur „Peif“ „Pfeif“ sagt. Auch zwischen den beiden Ortsteilen St. Leon-Rot gibt es geringe Abweichungen, die  sich jedoch meist auf einen Buchstaben beziehen: So sagt man in St. Leon für Wägelchen Wejjele und in Rot Wärreli, in St. Leon für krabbeln groddle und in Rot gruddle.
 
 
Die Mundart der Region zeigt auch französische Einflüsse
 
Sett! = da, dort (frz. cette = diese); visitiere = durchsuchen, Filzen (frz. visiter = besuchen); Plafo = Zimmerdecker (frz. plafond); Waschlaffor = Waschbecken (frz. lavabo); Paraplü = Regenschirm (frz. paraplue); Trottwar = Bürgersteig (frz.trottoire); Schees = die Kutsche (frz. chaise = Stuhl); Scheeslong = Sofa (frz. chaiselonge = langer Stuhl) 
 
Die aus dem Französischen hergeleiteten Wendungen erklären sich aus der französischen Besatzungszeit im19. Jahrhundert und mit dem Vorherrschen der französischen Sprache vor dem Ersten Weltkrieg. Mach kee Fissimadende! = Mach keinen Blödsinn! stammt aus der Besatzungs- und Biwakzeit französischer Truppen während der Napoleonischen Kriege am Bruhrain: Die Soldaten luden die Mädchen ein: Visitez ma tente! = Besucht mein Zelt! -
 
 
Die Mundart, Hemmschuh oder Sprache fördernd?
 
Es ist richtig, dass der „nur Dialekt Sprechende“ im gesellschaftlichen und beruflichen Bereich mit Schwierigkeiten konfrontiert werden kann. So wurden z. B. früher bei Elternversammlungen in unseren Schulen überwiegend nur “Hochdeutsch sprechende Zugereiste“ zu Elternvertretern gewählt, weil sie sich entsprechend artikulieren konnten, während sich die „Einheimischen“  aufgrund ihres Dialekts nicht zur Wahl stellten. Vielfach wird der Dialekt auch disqualifizierend mit „Sprache der Unterschicht“ bezeichnet und unverständlicher Weise als Ausdruck der Bildungsferne gewertet.
 
Es stimmt übrigens nicht, dass Personen, die mit der Mundart aufwachsen und die Schriftsprache erst in der Schule erlernen, im späteren Leben benachteiligt sein müssen. Der beste Beweis hierfür sind zahlreiche herausragende Persönlichkeiten in Politik, Kirche und Wirtschaft, die in kleinen Dörfern, in denen nur Mundart gesprochen wurde, die Zwergschulen besuchten und heute in führenden Positionen erfolgreich tätig sind.
 
Das Aufwachsen in der Zweisprachigkeit (Dialekt/Schriftsprache) bringt, wie Unter-suchungen bestätigen, später beim Erlernen der Fremdsprache sogar Vorteile, weil schon Erfahrungen aus einem „Umstellungsprozess“ vorhanden sind.